Professor Axel Venn im Interview mit RAL

Die Farbquadrate in diesem Newsletter zeigen sieben von 2.328 RAL Farben.

Grün-blau muss auch minzig schmecken.

 

Ein Interview mit Axel Venn

Senden Farben Botschaften aus, die für alle gleich verständlich sind? Für Axel Venn, Professor für Farbgestaltung und Trendscouting an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Hildesheim, steht fest, dass Farbe zumindest eingängige Signale vermittelt. Er untersuchte, welche Farben Menschen mit bestimmten Begriffen verbinden und nutzt die Erkenntnisse für seine Farbgestaltung. Der in Berlin lebende Autor genießt internationales Renommee als Farb-, Trend- und Ästhetikberater und wurde mit verschiedenen Designpreisen ausgezeichnet.

 

Welches Ziel verfolgen Sie bei Ihrer Farbforschung?

Bei sehr vielen meiner Arbeiten geht es darum, die Seherfahrungen der Menschen zu ergründen. Das Sehen verbindet uns am meisten mit der Welt. 90% unserer Sinneserfahrungen sind Seherfahrungen! Durch die zentrale Rolle des Fernsehens und des Bildschirms als Fenster zur Welt dehnt sich unsere Seherfahrung sogar täglich weiter aus. Kein Wunder, dass sich auch die Farbwahrnehmung enorm erweitert hat. Und all die Farben brauchen Namen. Denken Sie nur mal an Pink, seit wann gibt es Pink? Und wofür steht Pink?

 

Können Farben denn für etwas stehen, oder senden sie Botschaften aus?

Ich versuche, mir Klarheit darüber zu verschaffen, ob Farben unmissverständliche oder zumindest eingängige Signale vermitteln, Botschaften, und wenn ja, welche. Nachdem ich vor vielen Jahren mit ersten Versuchen begann, die Semantik der Farben zu ergründen, also die Zuordnung von Bedeutungen zu Farben und umgekehrt, da wurde mir zwangsläufig klar, wie wesentlich die Farbsemantik für die farbige Gestaltung ist.

 

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Sicher. Ein grün-blau eingewickeltes Bonbon muss minzig schmecken, niemals süß! Das wäre ja so, als wenn Sie einen Schluck aus Ihrer Kaffeetasse nehmen – und dann ist Tee drin, oder umgekehrt. Genauso ruft ein opulentes Parfum nach einer tiefroten, purpurnen oder schokoladenbraunen, goldbelegten Verpackung, und kann nun mal nicht quietschgelb daher kommen.

 

Würden Sie sagen, dass die Farberfahrung eine synästhetische Erfahrung ist?

In vielen Fällen, ja. Das merken Sie schon daran, wie die Menschen Farben beschreiben. Sie verwenden gerne Hilfsbegriffe, die auf andere Sinneserfahrungen als die Seherfahrung hinweisen, und sprechen von einem harten Blau, einem lauten Rot, von tiefem Schwarz. So kann die Zuordnung von Empfindungen zu Farben, aber auch die Zuordnung von Farben zu Begriffen funktionieren.

 

Wie kommen Sie zu Ihrem Wissen, verlassen Sie sich auf Ihren persönlichen Geschmack?

Ich forsche am Menschen. Ich frage die Menschen. Ich arbeite empirisch. Zu meiner Beruhigung gibt es da gewisse Überschneidungen zwischen dem, was die von mir gefragten Menschen mit Farben wie Orange, Ocker oder Violett verbinden, und meinen persönlichen Vorstellungen.

 

Erzählen Sie uns von Ihrem letzten Projekt, bei dem Sie mit 60 Probanden, 360 Begriffen und 21.600 Farbfeldern zu tun hatten.

Das war eine Mordsarbeit: Ich habe 150 Personen angeschrieben, gut 60 Interessenten machten mit. Diese habe ich gebeten, 360 Begriffe farbig darzustellen. Die Teilnehmer bekamen von mir alle die gleichen Aquarellfarben und die gleichen Pinsel gestellt. Und sie bekamen jeder 60 DIN A4 Bögen, jedes Blatt mit neun Begriffen von "abhängig" bis "zuverlässig" und neun Feldern zum Ausmalen. Einige der Teilnehmer gaben nach der Hälfte auf. Andere bissen die Zähne zusammen und schafften ihre ganze Arbeit, natürlich in mehreren Wochen. Viele fanden ein großes Vergnügen daran. Wichtig war mir, dass alle unabhängig voneinander zu ihren Resultaten kamen.

 

Und wie war das Ergebnis, ließ sich eine einheitliche Zuordnung von Farben zu den vorgegebenen Begriffen feststellen? Gab es Überraschendes?

Rund die Hälfte der Ergebnisse war kaum vorhersehbar für mich, aber dennoch hat mich keines wirklich überrascht – weder die übereinstimmenden noch die von der Mehrheit abweichenden Ergebnisse. Spannend ist es auch zu sehen, dass die Farbwahrnehmung mal eine synästhetische ist, und mal assoziativ vonstatten geht. Natürlich werden dem Begriff "kalt" zu über 90% Blautöne zugewiesen: Es sind kalte Farbtöne, Sie sehen oft ein helles Bleu wie das von Schnee und Eis und kühler, dünner Luft. Die Wasserfarben wurden stark verdünnt, die Felder flächenfüllend ausgemalt. Die Wahrnehmung eines Begriffes wie "exotisch" hingegen war viel mehr assoziativ geprägt. Sie sehen viele verschiedene, sehr bunte Farben, der Duktus hüpft, die Felder wurden kleinteilig gestaltet. Das sind alles Ergebnisse, die ich bei meiner eigenen Farbgestaltung berücksichtigen werde!

 

Im Ergebnis also sind es eher Farbkombinationen, die beim Betrachter eine bestimmte Vorstellung oder Gemütsverfassung auslösen?

Das ist richtig. Was ich gemacht habe, ist Folgendes: Die von den Probanden ausgemalten Felder habe ich fein säuberlich gescannt und in eine chromatische Ordnung gebracht. Dann habe ich die Farben, die den Begriffen zugeordnet waren, sowohl als Torten- wie als Streifengrafik dargestellt. Die so entstandenen Farbskalen zeigen die Möglichkeiten der Farbe als Ausdrucksmittel oder gar als Sprache. An ihnen sieht man auch, dass nicht eine Farbe allein einen Begriff beschreibt. Was zum Ziel führt, ist die richtige Zusammenstellung.

 

Für wie zuverlässig halten Sie die Ergebnisse des Projektes?

Farbansichten sind so launenhaft wie Liebesschwüre oder Parteizugehörigkeiten. Die Grundansichten waren größtenteils vergleichbar, wobei die Farbempfindungen zum Beispiel für „bezaubernd“ mal etwas weniger rot, gelb oder veilchenfarben ausgefallen sind. Bei eher trendbezogenen Begriffen waren die Abweichungen größer als bei den Archetypen. Ganz wichtig war die Erkenntnis, dass sich bereits bei einer Gruppe von zwanzig, dreißig Probanden sehr stabile Mehrheitsbilder ergeben haben. Diese haben sich bei einer zwei- oder dreifach größeren Gruppe nur sehr gering verändert. Das bedeutet, dass die Aussagen sehr zuverlässig sind.

Anmerkung: Das Projektergebnis kann in Axel Venns Farbwörterbuch nachgelesen werden, herausgegeben von Dr. Wolf D. Karl, Vorsitzender der Geschäftsführung RAL gGmbH.


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